Das Kaspische Becken gilt als Rohstoff-El-Dorado, seit dort vor bald 20 Jahren enorme Öl- und Gasvorkommen entdeckt wurden. Kurz nach dem Zusammenbruch der ehemaligen UdSSR sicherten sich US-amerikanische Konzerne um 75 Prozent der erwarteten Vorkommen. „Den Verträgen über Förderrechte folgte amerikanisches Militär“, so Patrick Martin von der AG Friedensforschung an der Universität Kassel in einem Artikel vom 20. November 2001. Wenige Jahre nach Abschluss der Verträge, 1997, folgte ein Manöver der US-Armee mit der kasachischen in den Weiten des nordwestlichen Territoriums von Kasachstan. Zu diesem Zeitpunkt stand der US-Konzern Unicol mit den Taliban noch in Verhandlungen zu einen durch Afghanistan führenden Pipelinebau, die nach den Bombenattentaten auf die US-Botschaften in Nairobi und Dar-es-Salam abgebrochen wurden. 1998 gab es ein Manöver der US-Armee in Turkmenistan, während dem für den Guerillakrieg in Bergregionen trainiert wurde.
Die USA hatten Afghanistan allein seit der Intervention der Sowjetarmee bis dahin mit gut fünf Milliarden Dollar aufgerüstet, um ihre Interessen vertreten zu sehen. Um die Energievorkommen aus dem Kaspischen Becken abzupumpen, standen drei Wege zur Verfügung. Nach Westen hin durch Georgien, Aserbaidschan und die Türkei zum Mittelmeer, nach Nordosten über China zum Pazifik und nach Süden über Turkmenistan, den Osten Afghanistans und Pakistan zum Indischen Ozean. Ohne die Zustimmung des Taliban-Regimes ging nichts zum Indik. Interventionsplanspiele seitens der US-Administration wurden aufgestellt. Der 11. September 2001 bot dann den adäquaten Anlass, die vorherigen Planspiele in eine Doktrin umzuwidmen, War on Terror. So hat es seinen Grund, dass ausgerechnet die gröβten Truppenkontingente der USA im Südwesten und im Osten Afghanistans stationiert sind und dort in nunmehr 12 Provinzen kämpfen.
Von rund 22000 US-Truppen unterliegen zudem lediglich 60 Prozent dem Nato-Isaf-Einsatz, der von der UNO bisher nicht mandatiert wurde. Zum Vergleich: die Niederländer sind Nato-Informationen zufolge in nur einer Provinz unterwegs (Tarim Kowt); die Norweger (Meymaneh), die Schweden (Mazar-e-Sharif), die das Kommando auch über das deutsche Kontingent (Kunduz; Feyzabad) haben, ebenfalls. Die Briten sind in Lashkar Gar, wo auch schon mal Bomben aus US-Kampffliegern abgeworfen werden, die Spanier in Qala-e-Naw, die Italiener in Herat, die Australier in Bamyan, die Türken in Vardak, die Kanadier in Kandahar, und so weiter. Zusammen stellen sie um 23000 Truppen. Hinzu kommen nach Nato-Angaben 1000 Soldaten der afghanischen Armee.
Umwidmungen der Ausgangsdoktrinen, um weiterhin Kriege zu führen, sind nichts Neues, doch sofern der Westen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an Kriegen beteiligt war, tauchte immer wieder der Terminus Demokratisierung als Kriegsziel auf. Nicht minder wird auf die in den Kriegsgebieten herrschende politisch-soziale Unterdrückung der Bevölkerung und deren Unterentwicklung hingewiesen. Während der Dauer von Kriegen ergeht es der Bevölkerung schlechter als vor Kriegsbeginn. Noch Jahre nach Beendigung sind Leid und Unterentwicklung – vor allem durch sogenannte Kollateralschäden, ein Begriff, der seit Desert Storm (1991) bekannt ist – in der Bevölkerung groβ.
Im Korea- und im Vietnamkrieg, in denen es um politische Vormachtsstellungen, vor allem den Kampf gegen den Kommunismus ging, war es so; ebenfalls in den meisten danach folgenden Kriegen, in denen die USA eine Hauptrolle spielten, etwa um sich Zugang zu Ressourcen zu sichern. Das sickert inzwischen sogar ins Bewusstsein von manchen 12jährigen. Im Irak ist es – wie täglich in Fernehbildern zu besichtigen ist – nicht anders. Die vielen rhetorischen Blendgranaten, die in den Heimatländern der am Afghanistankrieg beteiligten Truppen von Regierungen und Politikern gezündet werden, konterkarieren die Demokratie zu Hause, führen sie geradezu ad absurdum.
Wie schon zu Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharpings Zeiten während der ersten Legislatur der Regierung Schröder (1998-2002), als die deutsche Öffentlichkeit mit aufbereiteten Fotos zum Balkankrieg getäuscht worden war, um den ersten Bundeswehreinsatz seit Gründung der Bundesrepublik durchzusetzen, wird seit Jahren mit Euphemismen gearbeitet. Alles scheint erlaubt – nur nicht, zu sagen, dass Deutschland sich mit Afghanistan im Krieg befindet. So verwundert es kaum, dass die jüngst von Verteidigungsminister Jung durch den Deutschen Bundestag getriebene Sau, deutsche Kampfflugzeuge vom Typ Tornado nach Afghanistan abzuordnen, mit groβer Mehrheit gestreichelt statt erlegt wurde. Fragt sich, wen diese Parlamentsmehrheit eigentlich vertritt, sind doch nach einer kürzlich vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel veröffentlichten Umfrage 56 Prozent der Deutschen dafür, dass Deutschland sich aus Afghanistan zurückziehe.
„Aufklären“, so Jung, sollen die Tornados. Kampfeinsätze seien nicht vorgesehen. Nun lieβe sich hoffen, dass die Quote der Kollateralschäden sich mit Hilfe deutscher Präzision verringerte, doch solange andere den Knopf drücken, dürfte diese Hoffnung Wunschdenken gleichkommen. Eher steigt nun die Wahrscheinlichkeit, dass der Krieg in Form von Anschlägen nach Deutschland getragen wird. Dossiers hierzu liegen dem Verteidigungs- und dem Innenministerium angeblich vor. Es wird kein Hehl daraus gemacht. Dabei ist oberstes Verfassungsgebot und Vereidigungsschwur von Bundeskanzler und Kabinettsmitgliedern, Schaden vom Deutschen Volk abzuwenden. Abwägungen, wonach etwa eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung durch einen Kriegseinsatz unter Nato-Emblem inkaufgenommen wird, sind nicht vorgesehen.
Längst ist in Afghanistan an der Tagesordnung, was seit Jahren im Irak zu beobachten ist. Scharmützel, Sprengstoff- und Selbstmordattentate, Entführungen, tote Journalisten. Diese Irakisiersung Afghanistans scheint unmittelbar mit der Bombardierung von zivilen Einrichtungen und Dörfern zusammenzuhängen, in denen sich Taliban nach Lesart der Nato versteckten. Vor allem im Süden und Südwesten und im an Pakistan grenzenden Osten sind die Kliniken voll von Verstümmelten und Verbrennungsopfern. Ist zu erwarten, dass diese sich eines Tages bis nach Deutschland durchschlagen werden, um in den Innenstädten um Mildherzigkeit nachzusuchen, wie es viele Amputierte des Balkankriegs schon lange tun?
Vor knapp zwei Wochen begann die Operation Achilles, die „Frühjahrsoffensive“ der Nato, in der südwestlichen Provinz Helmand. Monatelang wurde zuvor von einer Frühjahroffensive der Taliban geredet, wobei von offizieller Seite nicht näher erläutert worden war, wie eine im Land verstreute Guerrilla-Armee – nichts anderes sind die Taliban – von 10000 Mann eine „Offensive“ starten könnte. Sie sind bekannt dafür, in kleinen Einheiten zu kämpfen, wie die Autoren im vor zehn Jahren erschienenen Handbuch The World’s Most Dangerous Places – Robert Young Pelton, Coskun Aral und Wink Dulles – schreiben.
Es darf angenommen werden, dass die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung nicht zurück zu einem fundamentalistischen Taliban-Regime möchte. Vor allem jene Generation, die nichts anderes als Krieg kennt und vor allem die Frauen in den Städten, wünschen sich eine liberale Gesellschaft in Frieden. Zarte Strukturen gibt es bereits. So tritt die Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA) für Gleichberechtigung und das Aufbrechen des Patriarchats ein. In den ländlichen Regionen, die die Mehrheit der Bevölkerung stellen, findet sie bislang noch wenig Unterstützung. Diese, das wissen die Städterinnen, lässt sich nicht herbeibomben.
Die Erfahrung müsste eigentlich lehren, dass an Technik und Gerät überlegene Truppen auf Dauer gegen eine Guerrilla oder Partisanen wenig Chancen haben, zu gewinnen. Der Verhandlungstisch unter Einbeziehung der Taliban erscheint als einzige Chance, einen Weg aus dem Krieg zu finden, wenn man es tatsächlich darauf abgesehen hat, dem Land aus der Steinzeit zu helfen.
GEOWIS

