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Titelausschnitt
REZENSION | Sterben in Mexiko

Gekaperte Nation

In den vergangenen Jahren berichteten deutsche Medien nahezu regelmäßig vom sogenannten Drogenkrieg in Mexiko und mit ihm in Zusammenhang stehenden Verbrechen. Das Buch Sterben in Mexiko gibt einen tieferen Einblick
Von TOM GEDDIS |
Lesedauer ca. 3 Minuten |
07.10.2012

„Im Drogenkrieg ist Schweigen nicht die bloße Abwesenheit des Redens, sondern vielmehr die Fähigkeit, nichts zu sagen. Man kann so viel reden, wie man will, solange man Fakten meidet“, sagt Gibler in Bezug auf die geradezu als unantastbar geltenden Drogenbosse und ihrer politisch-militärischen Schutzpatrone. Ganz ohne Zynismus: Diese Aussage lässt sich mühelos auch auf deutsche und europäische Konzernmedien-Journos übertragen. Gibler, der abwechselnd in Mexiko und den USA lebt, legt faktenreich und mit teils erschreckenden Details dar, wie sehr das 112-Millionen-Einwohner-Land von mafiösen Strukturen bis in höchste politische und militärische Ebenen durchsetzt ist und stranguliert wird, wie die Drogenkartelle sich gegenseitig bekämpfen, welche Taktiken sie anwenden, inwieweit sie mit ihren jährlichen Milliarden-Netto-Umsätzen bereits Teile und Stützen des realen Wirtschafts- und Finanzmarktkreislaufs sind und so das Land gekapert haben.

Hierbei gilt Giblers Augenmerk im Kern den vergangenen zehn Jahren, doch er versäumt es nicht, einige wesentliche Ausgangsbedingungen für die sich wie Dermatophyten über Mexiko ausgebreiteten Mafiastrukturen anzureißen, die mit der Präsidentschaft von Carlos Salinas de Gortari (1988-94) eng verbunden sind und durch den Tod des kolumbianischen Drogenpapstes Pablo Escobar (1993) an Dynamik gewannen. Escobar hinterließ eine Lücke, die die mexikanischen Kartelle als Chance begriffen. Salinas de Gortaris Unterzeichnung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA, inkraftgetreten am 1. Januar 1994, erleichterte es den mexikanischen Kartellen, ihre schier unglaublichen Tonnagen an Drogen illegal nach den USA zu exportieren. Gelangten Drogen aus Süd- und Mittelamerika, wie auch aus Mexiko, vorzugsweise mit Schnellbooten und Flugzeugen in die USA, dem größten Absatzmarkt, bieten sich – wie auch Gibler schreibt – durch das NAFTA neue Möglichkeiten. Im gut 3000 Kilometer langen Grenzkorridor zwischen Mexiko und den USA konnten sich neben den offiziellen Maquiladora-Betrieben aus den USA, Asien und Europa, die Teile ihrer Produktion und Zusammenschraubindustrie (assembly industry) dorthin verlagerten, auch Drogenhersteller und -weiterverarbeiter ansiedeln. Die Kartelle gruben Tunnel, nutzten den Río Bravo del Norte (Río Grande) und den kleinen Grenzverkehr, um tonnenweise Drogen und Geld und zigtausende an Armutsflüchtlingen in die USA zu verbringen.

Neben dem großen Rahmen, der notwendig und wichtig ist, um zu verstehen, weshalb der nahezu ungehinderte Zustrom an Drogen und Drogengeldern nach den USA im Prinzip bislang nicht zu stoppen ist, schildert Gibler das alltägliche Grauen. Morde an Journalisten und Ermittlern, die den Kartellen und ihren Schutzpatronen zu sehr auf die Pelle rückten; Morde an Unbeteiligten; Morde an Mitgliedern konkurrierender Kartelle; Morde auch, die von Inhaftierten begangen wurden, die von der Gefängnisleitung nachts auf Freigang gesetzt wurden und rechtzeitig zum Morgenappell wieder aus ihren Zellen treten konnten. Giblers Buch ist kein Insider-Bericht – er war kein Undercover-Agent oder Mitglied eines Kartells. Es ist eine mutige, detaillierte wie kohärente und Zusammengenhänge erläuternde Entlarvungsschrift, wie es sie im Vergleich bisher nur auf Mexikanisch in Auflagen von 500 bis 1000 Exemplaren, geschrieben von im Exil lebenden oder unter Pseudonym publizierenden Autoren, an mexikanischen Kiosken und in verwegenen Antiquariaten unter der Hand zu kaufen gab und gibt.

Sterben in Mexiko ist gleichwohl eine berechtigte Anklage gegen die offenbar vollkommen degenerierte politische Klasse Mexikos mit Verweis auf die der USA, und eine Denkschrift zur Legalisierung von Drogen. Letztere, argumentiert Gibler, entzöge den Kartellen die Geschäftsgrundlage, denn nur die Illegalität des Drogenhandels und -konsums ermögliche allen Beteiligten gigantische Gewinne und sorge für staats- und demokratiezersetzende Strukturen und Morde ohne Ende. Dass es jedoch in absehbarer Zeit zu einer Legalisierung kommt, ist unwahrscheinlich. Zu viele Akteure in Nadelstreifen profitieren von der Illegalität von Drogen. Das US-amerikanische DEA (Department of Drug Administration) und viele andere mexikanische und US-Behörden mit tausenden von Mitarbeitern könnten praktisch dicht machen.

John Gibler: Sterben in Mexiko. Berichte aus dem Inneren des Drogenkriegs. Aus dem Englischen von Norbert Hofmann. Taschenbuch, 200 S., ISBN 978-3-89320-167-9; 1. Auflage, Edition Tiamat, Berlin, 2012

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