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Reisfeld | Andreas Bratschke / GEOWIS
ERNÄHRUNG

Teures Korn

Japans Lebensmittelpreise steigen und steigen. Herausragend betroffen davon ist der Reis, wofür andere Gründe als in Europa vorliegen
Von HARALD JÄGERMANN |
Lesedauer ca. 3-4 Minuten |
29.09.2025

Mehr als zwei Jahre dauert die Reiskrise in Japan bereits an und ein Ende ist nicht in Sicht. Während die Inflationsrate sich zwischen 2,5 und 3% bewegt, liegt die Preissteigerung bei Lebensmitteln bei über 7% und beim japanischen Grundnahrungsmittel und Hauptlieferanten für Kohlehydrate, Reis, sogar bis 70%. Im September 2025 kostete der aus japanischer Produktion bevorzugte Reis über vier Euro pro Kilogramm. Das im Norden auf der Insel Hokkaido angebaute Korn rund fünf Euro/Kilogramm (4275 Yen). Insgesamt liegt der Preis damit 20% über dem des Vorjahres, wie die Japan Times jüngst berichtete.

Während die Lebensmittelpreise in Europa, vor allem in Deutschland, sich vor allem seit dem verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien und dem Ukrainekonflikt verteuerten, waren Auslöser der Krise in Japan zunächst eine schlechte Ernte, verursacht durch eine andauernde Hitzeperiode auf dem Inselstaat, und rasch getätigte Aufkäufe der Ernte durch die marktbeherrschenden Unternehmen, um sich für 2024 zu wappnen. Dann, im August 2024, ereignete sich ein starkes Erdbeben im Süden des Landes, das die japanische Regierung erstmals zum Anlass nahm, von einem erhöhten Risiko eines bevorstehenden Mega-Bebens zu sprechen, das vom Nankai-Graben ausgehen könnte. Diese zirka 100 bis 200 Kilometer vor der Küste liegende Erdbebenzone erstreckt sich auf mehr als 900 Kilometer von der Mitte der südlichen Insel Kyushu bis nach Yamanashi auf der Insel Honshu, einer touristisch beliebten Region, in der der Mount Fuji herausragt. Die Bevölkerung nahm die Regierungseinschätzung ernst und sorgte durch Hamsterkäufe binnen weniger Wochen für eine weitere Preissteigerung.

Im September 2024 war der Preis auf über 40% gegenüber August gestiegen und es dauerte nur zwei Monate, bis die Läger leer waren. Rund 400000 Tonnen Reis fehlten sodann. Die Regierung spielte die Krise erst herunter, reduzierte dann aber den Export. Plötzlich musste Reis aus dem Ausland musste Reis hinzugekauft werden. Zwar variierten die Preise auf dem Weltmarkt – thailändischer Reis als der teuerste, Laos, Kambodscha und Vietnam nahmen sich nicht viel –, aufgrund Chinas und Europas Nachfrage, doch ein Kardinalfehler der Regierung unter Shigeru Ishiba bzw. ihres Agrarministers Taku Eto wog schwerer. Er verkaufte im Februar 2025 Teile der japanischen Notreserven per Auktion an den Höchstbieter, die Japan Agricultural Cooperatives Group (JA), die jedoch über eine unzureichende Distributionsinfrastruktur verfügt. Der Reis kam nicht schnell genug in die Läden, weshalb der Preis weiter stieg. 

Reisbauer | Andreas Bratschke / GEOWIS

Eto verlor daraufhin im Mai dieses Jahres seinen Ministerposten. Sein Nachfolger Shinjiro Koizumi handelte zwar schnell, indem er den Notreis direkt und vergleichsweise preiswert an die zahlreichen Wiederverkäufer veräußerte, die ihn für etwa zwei Euro/Kilo an die Verbraucher abgaben. Dies führte allerdings zu keiner spürbaren nationalen Preissenkung in den Supermärkten, wo das teure Korn weiterhin bei vier Euro/Kilo lag. Koizumi warb für eine komplette Freigabe der rund 910000 Tonnen Notreserve und setzte auf weitere Importe. Mit der Welthandelsorganisation konnte eine Vereinbarung über eine zollfreie Einfuhr von 770000 Tonnen vereinbart werden, wovon 100000 Tonnen als Reserve zurückgelegt wurden. Der Regierungsreispreis sank, sodass ausländischer Reis ihm gegenüber nicht mehr konkurrenzfähig war. Aus japanischer Perspektive könnte kaum etwas als würdeloser verstanden werden als von ausländischem Reis abhängig zu sein, der zudem mittelfristig die heimische Produktion in den Hintergrund zu drängen imstande wäre. Die Krise ist nicht gelöst. Der Preis für den heimischen Reis der Ernte 2025 zieht weiter an.

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