Das Verhältnis zwischen Japan und China war noch nie freundschaftlich, was vor allem an der militärischen Invasion in die Mandschurei ab 1931 und Besatzungen entlang der Ostküste Chinas bis zur Insel Hainan sowie dem 1937 verübten Massaker von Nanjing (Nanking) während des Zweiten Weltkriegs liegt. Noch immer stellt eine bis zum Tage fehlende Geste des Bedauerns zu den Greueln von Nanjing gegenüber dem chinesischen Volk eine Barriere für eine Intensivierung der Beziehungen zueinander dar. Das liegt auch daran, dass es den japanischen Nachkriegskaisern an Größe fehlt, einen Hinweis des Einlenkens zu geben.
Nach dem Ende des Krieges und dem Verlust der einst zu China gehörenden Insel Formosa, dem heutigen Taiwan, tat sich das Reich der Sonne gegenüber dem Reich der Mitte dann jahrzehntelang schwer, die verlorene Vorherrschaft im Pazifik zu akzeptieren, bis es in den vergangenen fünfzehn Jahren zu einer pragmatischeren Sicht auf die gegebenen Verhältnisse kam und im August 2009 in eine winzige Geste in Form von 6830 Paar Schuhen für unter japanischer Besatzung zu Tode gekommenen Chinesen in Tokyo aufgestellt wurden. Seitdem hatten sich Japans Regierungen nicht mehr auf allzu deutliche Dissonanzen mit China eingelassen.
Mit dem Antritt von Japans neuer Regierung änderte sich dies im Oktober 2025. Japans neue Premierministerin Sanae Takaichi trat Anfang November öffentlichkeitswirksam unvermittelt für ein Zwei-Staaten-China ein und sicherte Taiwan seine militärische Unterstützung zu, sollte China die Insel angreifen, die die Volksrepublik nach wie vor als zu sich gehörende Provinz betrachtet. Hierbei wähnt sich Takaichi der Unterstützung der USA sicher, doch wie schnell sich diese ändern könnte, hat die Trump-Administration an anderer Stelle schon mehrfach bewiesen. Für Trump gibt es keine in Stein gemeißelten Garantien. Er wägt ab, was den USA nützt und was entbehrlich ist. Es gilt nicht zwangsläufig eine politische Doktrin, sondern die kaufmännische Kosten-Nutzen-Rechnung.

Die diplomatischen Spannungen zwischen Tokyo und Beijing haben sich seitdem nicht nur nicht gelöst, sondern auch Auswirkungen auf die japanische Wirtschaft. Viele Chinesen meiden Reisen nach Japan, Studentenzahlen aus China gehen zurück, japanische Produkte werden boykottiert, die Außenhandelsbilanz mit China leidet. Entsprechend unzufrieden sind japanische Unternehmer mit Takaichi, der sie zudem vorwerfen, nichts zur Entspannung der Situation beizutragen. Als „Lösung“ bietet sie Unterstützungsprogramme an, also Subventionen, während Unternehmen es für besser hielten, ihren Konfrontationskurs zu China zu entschärfen und ihren Schulterschluss mit Taiwan zu überdenken. Doch wie der Tenno ist sie zu stur und zu stolz, zumal es auch in Japan kaum etwas Schlimmeres gibt, als sein Gesicht zu verlieren. Und das als Frau und erste Regierungschefin.
Als reichte es noch nicht, es sich mit China zu verscherzen, legte Takaichi sich auch mit Südkorea an. Hierbei geht es um von Japan beanspruchte Inselchen, die Liancourt-Felsen. Der hauptsächlich aus Felsen bestehende, insgesamt weniger als einen halben Quadratkilometer kleine Archipel wurde 1910 im Zuge des Einmarsches in Korea von Japan konfisziert und musste nach dem Zweiten Weltkriegs wieder zurückgegeben werden. Dass Takaichi nun auch dieses Fass aufmacht und Ansprüche formuliert, kommt in Seoul gar nicht gut an und wird scharf zurückgewiesen. Manche politische Beobachter sehen ihre Tage als Premierministerin gezählt, wenn sie nicht in der Lage ist, ihren außenpolitischen Kurs zu revidieren.
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