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Oyane-Ring als Wahrzeichen der EXPO 2025, Osaka | Tohata Architects & Engineers / Sou Fujimoto
WELTAUSSTELLUNG 2025

EXPO 2025 in Osaka

Die Weltausstellung in Japan bietet kaum Neues, dafür umso mehr Buntes und Skurriles. Ein Rundgang
Von TOM GEDDIS |
Lesedauer ca. 6-8 Minuten |
08.07.2025

In der Guinness-Sammlung der Rekorde 2025 ist er als „The largest wooden architectural structure“ rubriziert: der Grand Ring (Oyane Ring), Wahrzeichen der seit dem 13. April bis zum 13. Oktober in der japanischen Metropole Osaka stattfindenden Expo 2025. Erschaffen haben ihn Sou Fujimoto, Tohatu Architects & Engineers sowie ein Dutzend weitere japanische Architekten und Konstruktionsfirmen. Der 12 bis 20 Meter hohe und 30 Meter breite Ring ist mit einem Skywalk ausgestattet, weist einen Durchmesser von 615 m (innen) bis 675 m (außen) und eine Innenfläche von 61035 m² auf. Zu einem Fünftel führt der Ring über das Hafenbecken des ab dem Ende der 1970er Jahre durch künstlich aufgeschütteten Müll und Schutt entstandenen Inselchens Yumeshima, das heute 390 ha umfasst, wovon das Ausstellungsgelände 40% (155 ha) beansprucht. Verbaut wurde im traditionellen Steck- und Nutsystem Nuki neben heimischer Zypresse und Zeder auch schottische Pinie. Die Aufgangs- und Ausgangsbereiche bestehen aus überdachten Metallkonstruktionen. Fünf Aufgänge und sechs Fahrstühle führen hinauf. Über den zwei Kilometer langen Skywalk lässt sich das komplette Expo-Gelände überblicken. 

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Ausstellungsgelände auf Yumeshima, Osaka | EXPO 2025

Für Osaka ist es nach 1970 die zweite Weltausstellung, zu jener Zeit die erste in Asien. Ihre Präsentationsfläche betrug mit 330 ha mehr als das Doppelte der gegenwärtigen und war damit nicht nur eine der größten, sondern auch mit über 64 Millionen Besuchern auch die am besten besuchte. 77 Länder und 1040 Aussteller zeigten ihre Zukunftsvisionen unter dem Expo-Leitmotiv „Fortschritt und Harmonie für die Menschheit“. Auf der diesjährigen Expo präsentieren sich 158 Länder und etliche Organisationen, etwa die Vereinten Nationen und die Europäische Union. Die Veranstalter erwarten 28 Millionen Besucher, von denen bisher bereits knapp elf Millionen erschienen. Anders als vor 55 Jahren folgt das etwas sperrige Leitmotiv „Die zukünftige Gesellschaft für unser Leben gestalten“ thematisch Gegenwartsutopien wie Leben retten, Leben stärken, Leben verbinden.

Vieles dreht sich um Künstliche Intelligenz, vernetzte Kommunikation und Robotik, was Besucher aus weniger entwickelten Ländern zu überraschen oder zu faszinieren vermag, in Japans, Malaysias, Singapurs und Chinas durchgetakteten urbanen Zentren jedoch längst zum Alltag gehört. Für die Zukunft wird in Future Society Showcases und dem Thema Smart Mobility auf fliegende Autos mit ausgeklappten Reifen, Schiffe mit Wasserstoffantrieb und Elektrobusse gesetzt. Die Städte der Zukunft – Future Life / Future City – sollen dazu weiterhin die Experimentierfelder sein. Abgesehen von den noch nicht ausgeschöpften Bereichen KI und Robotik erscheinen die Zukunftsvorstellungen zuweilen wie ein alter Hut und scheinen das Wachstum der Städte nicht ausreichend zu berücksichtigen, das vor allem in Entwicklungsländern fulminante Klassenunterschiede verfestigt. Zu einem solchen Schluss kam etwa David Clark in seiner 1996 erschienenen Studie Urban World/Global City.¹

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Shining Hat | Toyo Ito & Associates, Architects

Ebenfalls 1996 erschien William Mitchells Buch City of Bits – Space, Place, and the Infobahn, in dem er recht präzise die Welt von heute beschreibend prognostizierte und dabei referentiell bis in die Anfänge der Netzwerkkommunikation, das Arpanet, zurückging.„Networking fundamentally changed things by linking the increasingly numerous individual fragments of cyberturf into one huge expanding system“.² Der spanische Soziologe Manuel Castells spricht in seiner 1996-1998 entstandenen Trilogie The Information Age: Economy, Society and Culture mit leicht marxistischem Ansatz von einer „Netzwerkgesellschaft“ („Network Society“), die eine „neue Gesellschaft“ hervorbringe, in der trotz aller Rufe nach Kollektivismus und Egalität der Kapitalismus vorherrsche und die Transformation zu dieser neuen Gesellschaft vorantreibe. „The twenty-first century will be marked by the completion of a global information superhighway, and by mobile telecommunication and computing power, thus decentralizing and diffusing the power of information, delivering the promise of multimedia, and enhancing the joy of interactive communication“.³ Jahre zuvor hatte der Kommunikationswissenschaftler und Kulturkritiker Neil Postman in seinen Büchern Wir amüsieren uns zu Tode (1985) und Das Technopol. Die Macht der Technologien und die Entmündigung der Gesellschaft (1992) noch die großen Networks der TV-Industrie und das Voranschreiten der „Technophilen“ ins Visier genommen.

Was damals gedacht und aufgeschrieben wurde, ist in den vergangenen zehn Jahren geradezu mit exponentiell gestiegener Innovation eingetreten und findet auf der Expo noch nicht seinen Kulminationspunkt. Solange Fortschritt nicht langweilig erscheint, das Dasein erleichtert, technologische Entwicklungen es bequemer machen und Information und Entertainment sich verbinden lassen, ist keine Sackgasse für den Trend zu postmodernem Kollektivismus in Sichtweite. Anders als ihre marxistisch-sozialistischen Vorreiter sind die Taktgeber dieses Trends kapitalistisch ausgerichtet und unterliegen dem Wettbewerb. 

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WA! Deutsche Expo-Präsentation | MIR LAVA facts + fiction

47 Länder sind mit eigenen Pavillions vertreten, darunter aus Europa etwa Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Island, Norwegen; aus Asien zum Beispiel Indonesien, China, die Türkei, Aserbaidschan, Singapur, Malaysia. Aus Afrika ist nur Ägypten mit einem eigenen Pavillon vertreten. Sämtliche dieser als Signature Pavillons bezeichneten Visitenkarten befinden sich innerhalb des Rings. Größere Hallen wie das Wasse Exhibition Center (ca. 4000 m²) und der als Reminiszenz an den Sonnenturm der Expo 1970 für Theater- und Musikveranstaltungen mit 1900 Sitzen errichtete Shining Hat (ca. 8200 m² auf zwei Etagen) stehen außerhalb. Alles ist zu Fuß erreichbar. Insgesamt durften die Baumeister bei den Pavillons und Veranstaltungshallen verschwenderisch mit dem Raum umgehen, weshalb manche Konstruktion wie eine nicht enden wollende Empfangshalle wirkt, beispielsweise die der Europäischen Union, die auch in Brüssel stehen könnte. 

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„Dream Spere“ | The Singapore Pavillion EXPO 2025

Singapur, international bekannt durch innovative Leuchtturmarchitektur, lockt Besucher seines als Kugel gestalteten Pavillions in Traumwelten, weshalb das Gebilde folgerichtig als Dream Sphere bezeichnet wird. Der Stadtstaat setzt auf Innovation, Nachhaltigkeit, Resilienz und Inklusivität, die er für künftige „Schlüsselprinzipien“ hält. Österreich will „Die Zukunft komponieren“ und lädt mit einer spiralförmig geschwungenen Konstruktion ein. Über eine Treppe gelangt man zu einer zum Eingang in den Hallenblock führenden Brücke. Im Innern lässt sich dann ein Flügel bestaunen. Das Königreich Bahrain hat ein dreidimensionales, begehbares Rahsegel gespannt und möchte damit an seine Vergangenheit als Seefahrer erinnern. Aserbaidschan bleibt mit seinen sieben hintereinander aufgestellten Viadukten mit nach rechts geneigten Bögen, die mit dem Pavillonblock eine Einheit bilden, grauer sozialistischer Einfaltsarchitektur der Nachkriegszeit verbunden. China hält es mit dem buddhistischen Credo, in Harmonie mit der Natur zu leben. Sein Pavillon besteht aus zwei ausgerollten Kalligraphierollen aus Bambus und Vierkantbalken aus Holz. Deutschland bekennt sich mit fünf an Kompostkontainer oder Kerosinspeicher erinnernde Konstruktionen und dem japanischen Begriff Wa!, was Harmonie, Kreis oder schlicht Wow! bedeuten kann, zu Kreislaufwirtschaft und Dachbegrünung. Polen hingegen scheint das Colisseum fragmentiert zu haben.

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Chinas Präsentation: Kalligraphierollenarchitektur | China Council for the Promotion of International Trade

Wie schon häufig, erscheint auch diese Expo, Japans fünfte, wie eine Spielwiese für Architekten und Designer. Zwar hätten schlichte Messehallen auch ausgereicht, um Innovationen für die Zukunft zu präsentieren, doch dazu hätte man nicht nur Visionen, Traumwelten, wohlfeile Schlagworte, pseudophilosophische Phrasen und das Weiterentwickeln bestehender Technologien gebraucht, sondern echte Erfindungen. Diesen Mangel übertüncht die Expo-Architektur spielerisch, allen voran die von Unternehmen in Auftrag gegebenen Domestic Pavillons. Vielleicht wäre es besser, den Veranstaltungsrhythmus zu verändern, damit mehr Zeit für neue Entwicklungen bleibt.

1 David Clark, 1996: Urban World/Global City. Routledge, London

2 William J. Mitchell, 1996: City of Bits – Space, Place, and the Infobahn. First MIT Press paperback edition, S. 107-108, MIT, Cambridge

3 Manuel Castells, 1998: The Information Age: Economy, Society and Culture, Volume III: End of Millennium. S. 353, Blackwell Publishers, Malden, USA, Oxford, UK

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