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Tweed von Dieter Althaus auf Twitter, 8.09.2009 | Screenshot
THÜRINGEN | DIETER ALTHAUS

Realitätsverlust bei Dieter Althaus

Thüringens oberster CDU-Wahlverlierer gerät zur Karikatur seiner selbst
Von HUBERTUS MOLLN |
Lesedauer ca. 3 Minuten |
10.09.2009

Es gibt nicht allzuviele Beispiele von völlig entrückten Politikern in der deutschen Nachkriegsgeschichte, die sich in der Öffentlichkeit so abgehoben von der Realität produziert haben wie Thüringens abgewählter, indes noch geschäftsführender Ministerpräsident Dieter Althaus. Am 3. September 2009 erklärte er nach desaströsem Wahlergebnis für seine Partei in knappen Worten seinen Rücktritt als Ministerpräsident und Landeschef der CDU und tauchte vier Tage ab. Am 8. September 2009 tat der womöglich eher im Lokalpolitischen verankerte Eichsfelder (Slogan: „Für ein starkes Eichsfeld“) so, als sei nichts gewesen und leitete die erste Kabinettssitzung nach der Landtagswahl. „Ich habe mit der Niederlegung meiner Ämter die persönliche Konsequenz aus dem schlechten Abschneiden der CDU Thüringen zur Landtagswahl am 30. August gezogen – eine Entscheidung, die mir persönlich sehr schwer gefallen ist. Die Verluste von fast 12 Prozent schmerzen“, heißt es in seinem Blog, der durchaus zu den wirrsten deutscher Politikerblogs befördert werden könnte.

Als einen „eingebildeten Gesunden“ bezeichnete ihn die sonst nicht als herausragend kritisch gegenüber der CDU bekannte FAZ in ihrer Online-Ausgabe vom 10. September 2009. Die Financial Times Deutschland (FTD) – Online-Ausgabe – bezeichnete Althaus als „Thüringer Trotzkopf“ und stellt dem Mann ein Zeugnis aus, mit dem sich kein Normalsterblicher jemals noch irgendwo erfolgreich bewerben könnte. Von „Festklammern an der Macht“, „unabgestimmtem Rückzug“ und „skurriler Rückkehr“ spricht die FTD. Wie ein Roboter habe er gewirkt, als er Fragen beantwortet habe. Von Kopfschütteln im Saal berichtete das Blatt, verkneift sich allerdings eine Einschätzung darüber, ob Althaus nach seiner rasanten Skifahrt an Neujahr 2009, bei der er fahrlässig eine Frau getötet hatte und selbst schwere Verletzungen erlitt, wieder voll genesen sei.

„Der Angegriffene klammert sich längst an die Macht“, heißt es in der FTD, und es scheint zu stimmen. Zieht man Dieter Althoffs Blogs hinzu, ergibt sich bei dem Mann im Hinblick auf die Rücktritte von seinen politischen Funktionen ein noch viel bestürzenderes Bild. „Ich bleibe aber gemäß unserer Landesverfassung bis zur Vereidigung einer neuen Landes­regierung im Amt und werde die Amtsgeschäfte fortführen. Darüber gab es in den vergangenen Tagen eine widersprüchliche Berichterstattung in den Medien. Soweit ich zu den entstandenen Irritationen beigetragen habe, bedauere ich dies sehr.“ 

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Tweed auf Twitter-Account von Dieter Althaus

Die Meldungen und Berichterstattungen in den Medien waren nicht widersprüchlich. Althaus selbst sorgte für Widersprüchlichkeiten. Wie sehr sein Realitätsverlust fortgeschritten zu sein scheint, verdeutlicht der demonstrative Kathole und Eichstädter mit folgender trotziger Aussage: „Dennoch, die CDU Thüringen ist am 30. August erneut als stärkste politische Kraft bestätigt worden. Damit liegt der Gestaltungsauftrag für Thüringen und die Verantwortung für eine Regierungsbildung bei der Union. Für eine CDU-geführte Landesregierung, die gleichzeitig rot-rotes Chaos verhindert, gibt es eine reale Chance. Ich vertraue dem Verhandlungsteam mit Birgit Diezel, Christine Lieberknecht, Mike Mohring und Dr. Klaus Zeh.“

Es ist des gierigen Fisches letztes Zucken am Haken auf dem Weg in den Anglereimer. Althaus war zurückgetreten und hätte sich dem ganz gewöhnlichen Wahlverliererabgang hingeben können, um sich alsbald irgendwo auf anderem Posten wiederzufinden. Nun könnte es kompliziert für ihn werden. Denn welche Institution, welches Unternehmen will sich mit jemandem beflecken, der zwischen Hü und Hott nicht mehr unterscheiden kann? Wer will sich nun noch die Finger an jemandem verbrennen, der nicht loslassen kann von der Macht, der immer noch glaubt, er sei, was er war?

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