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Kölner Dom | Xiang Chen
MIGRATION & GEWALT

Professorales Weichspülen

Zehn Jahre nach den gewalttätigen Übergriffen in Köln, Hamburg, Bielefeld und etlichen weiteren Städten wird weiter relativiert. Diesmal von Rafael Behr, Gina Wollinger und Andreas Zick
Von THORSTEN RICHTER |
Lesedauer ca. 3-4 Minuten |
01.01.2026

Wenn sich in jüngster Zeit deutsche Soziologen, Politik- oder sonstige Sozialwissenschaftler zu Migration äußerten, kamen Täter stets besser weg als deren Opfer. In dieses Schema professoralen Weichspülens passt, was der Hamburger Polizeiforscher Rafael Behr im Morgenecho von WDR 5 an Silvester zum Besten gab. Er schwadroniert von einer „radikal entwurzelten Männlichkeit“ der Täter. Deren Herkunft aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum sei „aus kriminologischer Sicht kein kriminogener Faktor.“ Da mag sich der Laie fragen, ob der Emeritus für Polizeiwissenschaften nicht so recht weiß, wovon er redet und ob er seinen Studenten etwa geraten hat, mit Chiffonschleifchen auf Streife zu gehen und beim Verdacht auf eine Straftat lieber mit Wattebäuschen zu werfen statt die Schließacht einzusetzen.

Den migrantischen Antänzern und Straftätern attestiert der Professor, sie seien „in eine Gesellschaft überführt“ worden, „in der sie nichts machen dürfen, noch nicht einmal die Aussicht haben, hierbleiben zu dürfen.“ Sie hätten „existentielle Ängste.“ Zunächst einmal: niemand hat sie nach Deutschland „überführt“ und niemand hat ihnen ein Bleiberecht zugesichert, außer vielleicht deren Schleuser. Unabhängig davon rechtfertigt das keine Begehung von Straftaten der testosterongesteuerten Antänzer von der Domplatte und anderen Orten. Nicht die Gesellschaft, in die sie geflüchtet sind, hat Verständnis für sie aufzubringen, sondern sie sollten sich wenn schon nicht als dankbar, dann zumindest als friedlich erweisen.

Bei der Behr’schen Argumentationslinie schimmert die Täter-Opfer-Umkehr durch, die unweigerlich an die – in größerem Maßstab – soziologische Auseinandersetzung der 1960er bis 1990er Jahre und die diesertage bei der Antifa wieder populäre postkoloniale Unterdrückungs- und Abhängigkeitsdebatte erinnert. In der Kriminologie hat dies allerdings nichts zu suchen. Denn wenn sich die einst führenden Entwicklungsländerforscher, darunter Frantz Fanon, Jürgen Senghaas, Ulrich Menzel, Franz Nuscheler und Dieter Nohlen, eher von der ideologisch verbrämten Dependenztheorie und dem verwandten Bielefelder Verflechtungsansatz verabschiedet und sich nicht so lange mit den Vertretern der Modernisierungstheorie herumgestritten und kritische Demographen wie Herwig Birg etwas mehr beachtet hätten, hingen die Herkunftsländer der Straftäter mit Migrationshintergrund vielleicht weniger am Tropf der vermeintlich reichen Länder.

Die Soziologin Gina Wollinger, Professorin an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Köln, spricht in der gleichen Sendung von einer „Überspitzung“ beim Thema Migration und Kriminaltät und von einer „Überschätzung des Ausmaßes“ der Kriminalität von Migranten, ohne zu reflektieren, dass jedes Tötungs- und Vergewaltigungsdelikt eines zuviel ist und nicht stattgefunden hätte, wenn die Merkel’sche Willkommenskultur ausgeblieben wäre. Etwas differenzierter betrachet Andreas Zick, Professor für Gewalt- und Konfliktforschung in Bielefeld, das Kölner „Ereignis“, der in der gleichen Sendung zumindest die kulturelle Herkunft und Sozialisation der Straftäter anspricht, aber wie Behr kein Wort zur Traumatisierung der Opfer verliert. Für Gewalt-, Konflikt- und Polizeiforscher ist der Forschungsgegenstand noch lange nicht erschöpft, zumal täglich neue Gewalttaten von Zuwanderern begangen werden.

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