Unter deutschen Mathelehrern herrschte jahrzehntelang die Erkenntnis, der Rechenweg sei mindestens genauso wichtig wie die Lösung, wenn nicht gar wichtiger. In Ländern, die an internationalen Vergleichstests teilnehmen, ist das nach wie vor so. Der Rechenweg zeigt der Lehrkraft, ob ihre Schüler verstanden haben, wie man zur Lösung gelangt ist und dient wesentlich der Bewertung. Wer im digitalen Zeitalter jedoch nur lernt, wie ein Taschenrechner zu bedienen ist, was mitunter auch nicht einfach ist, sobald es um kompliziertere Funktionen als das Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren geht, wird ohne die schriftlichen Kenntnisse ein kognitives Defizit ernten.
Nach den kläglichen Experimenten pädagogischer Konzepte wie Schreiben nach Gehör und Lernen ohne Benotung will Niedersachsen ab dem Schuljahr 2026/27 ein weiteres Experiment wagen und die schriftliche Division, bei der die Lösung Nachkommastellen ausweist, aus dem Matheunterricht für Grundschüler verbannen. Der Taschenrechner soll stattdessen herangezogen werden. Wie soll das dann erst werden, wenn später Bruchrechnung durchgenommen wird? Oder Wurzelziehen? Für die grüne Kultusministerin Julia Willie Hamburg, 39, die ihrerseits auf ein abgebrochenes Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und deutschen Philologie zurückblicken kann, und ihre grünen Staatssekretäre Andrea Hoops und Stefan Ertner, scheint die Sache klar: das schriftliche Rechnen mit Nachkommazahlen sei „zu komplex“. Es gelte, „Fehleranfälligkeiten zu reduzieren.“ Eine weitere Begründung: die Grundschüler sollen „Division als Aufteilen und Verteilen verstehen und den Zusammenhang zur Multiplikation begreifen.“
Kalkulierte Dyskalkulie
Wer so einfältig argumentiert, gehört bestraft, also mindestens von seinem Ministerposten entbunden. Doch ist das in Niedersachsen kaum zu erwarten. Dort regiert seit Mai 2025 Olaf Lies (SPD), ein Diplomingenieur, der Willie Hamburg als Altlast von seinem Vorgänger Stephan Weil übernommen hat. Er wird die Koalition aus SPD und Grünen nicht wegen dieser marginal wirkenden, aber sich künftig kolossal auswirkenden Veränderungen des Mathematikunterrichts in Grundschulen belasten und stattdessen die kalkulierte Dyskalkulie inkaufnehmen. Auf die kommenden Landtagswahlen (2027) dürfte sich das auswirken. Hatte die SPD bei den vergangenen im Jahr 2022 noch 33,5% erzielt, stand sie einer Umfrage des NDR am 19. November 2025 bei nur noch 26%, während die Grünen von 14,5% auf 12% und die CDU von 28,1% auf 26% fielen. Die AfD konnte von 11% auf 20% zulegen. Für sie bietet sich somit eine Steilvorlage für den kommenden Landtagswahlkampf.
Obwohl Niedersachsen, wie weitere zehn Bundesländer, laut der letzten IQB-Erhebung (2024) unter dem Durchschnitt von 500 Punkten bei den Ergebnissen des Mathematikunterrichts an Grundschulen (4. Klasse) lag – Bayern erzielte immerhin 519 und bis auf Meck-Pomm lagen alle ostdeutschen Länder über dem Mittel – hat der Landeselternrat (LER) dieser Änderung auf seiner 17. Plenarsitzung vom 13.12.2025 zugestimmt, scheint das Problem aber zu sehen. Doch statt das Vorhaben des Kultusministeriums dezidiert abzulehnen, seien ihmzufolge „Dyskalkulietrainer an jeder Schule gewünscht, um frühzeitige Hinweise (Klasse 1 und 2) erhalten zu können.“
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