Mindestens dreimal seien sie laut johlend aus ihren Autos heraus in der Nacht zum vergangenen Montag (9./10.03.2008) „rumgefahren“, berichten Anwohner. Parolen hätten sie geschrien, „Linksfront verrecke!“ und ähnliche. Vorangegangen war dieser nächtlichen Ruhestörung ein Anschlag mit Buttersäure auf einen der letzten verbliebenen sozialistischen Buchläden und Literaturtreffs in Dortmund, Taranta Babu. Er liegt im Wurmfortsatz des als bevorzugte innerstädtische Wohngegend bekannten Kreuzviertels zwischen Humboldt-, Wilhelm- und Liebfrauenstraße gegenüber des Kabarett-Theaters Fletch Bizzel – unweit der Kinderklinik.
Der Buchladen, der auch als Literaturcafé mit kleiner warmer Küche fungiert, wird gerne von deutschen und internationalen Studenten, Alt- und Neu-Linken, kritischen Geistern und Anwohnern frequentiert. Auch Journalisten und Wissenschaftler finden sich dort ein und genießen in entspannter Atmosphäre einen Rotwein. Gelegentlich wird dort auch heftig um Begrifflichkeiten und so manche Deutungshoheit gestritten. Demokratie im Kleinen. So wie es die alten Griechen vorgemacht hatten. Wer Lust hat, begibt sich von den Restaurationsräumen in den Buchbereich, in dem Neuerscheinungen aus Sachbuch und Belletristik, aber auch die Klassiker der Literatur- und Weltgeschichte angeboten werden. Man kann sich ein Buch greifen, sich hinsetzen und es kostenlos lesen. Tags wie abends. Man kann es auch kaufen.
Den Taranta Babu gibt es seit den frühen 1980er Jahren. Die Buchhandlung versteht sich nicht strikt als solche. Vielmehr als ein „Verein zur Förderung der interkulturellen Lesekultur und Medienkompetenz“, der es sich zur Aufgabe mache „zwischen den Zeilen nach Phantasie und Willen zu suchen, um gegen die Abstumpfung in einer domestizierten Zivilisation zu bestehen“, so die Eigendarstellung. Der Name Taranta Babu, ziele auf „eine äthiopische Freiheitskämpferin in den 1930er Jahren, an die etwa der türkische Romancier und Aktivist Nazim Hikmet (…) Briefe aus dem Gefängnis“ richtete. Initiator des in den 1980er Jahren entstandenen Vereins ist Hasan Sahin. Nazim Hikmet (1902-63), war ein türkischer Dramatiker, Lyriker, Sozialist und Kommunist, der 1924 der Türkischen Kommunistischen Partei (TKP) beitrat, nachdem er in Moskau studiert hatte. Zeit seines Lebens litt er unter Repression, wurde vielfach verhaftet, zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt, begnadigt, floh nach Moskau, kam wieder zurück in die Türkei. Er übersetzte Tolstoi ins Türkische. Der türkischen Rechten und rechten Obrigkeit war er stets ein Stachel im Sitzfleisch. Jahrzehnte später ist Taranta Babu Dortmunder Neonazis ein politischer Dorn im Auge.
Seit dem Buttersäure-Anschlag, der sich monetär zwar nur in Sachbeschädigung auswirkte, psychologisch allerdings in Angst und Schrecken, ermittelt der Staatsschutz gegen die Täter, die auch das Parteibüro der ortsansässigen Grünen an der Ruhrallee mit faschistischen Parolen besprühten. Anlass der Aktion gegen den Buchladen war offenbar der für den vergangenen Montag im Taranta Babu unter dem Motto ‚Café Move Ya‘ geplante Vortrag von Rudolf Mühland, Titel: Anarchistische Strömungen und Utopien. „Offensive Aktionen werden auf die Straße getragen“, so die Ankündigung auf der Café Move Ya-Webseite.
Für den heutigen Freitag war eine Demonstration angekündigt, die um 19 Uhr beginnen sollte. Bis zur Stunde war davon nichts zu sehen. Tatsächlich aber hält sich in Dortmund eine nazistische Splintergroup als harter Kern von Verehrern des größten Massenmörders der deutschen Geschichte, die zwei- bis dreimal pro Jahr auf die Straße geht, um ihre Parolen hinauszuschreien. Ihre Demonstrationen werden regelmäßig vom Ordnungsamt der Stadt Dortmund genehmigt.
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