Marcel Fratzscher hat seine jüngst halbwegs vorgestellte Theorie von einem sozialen Pflichtjahr für die Boomer-Generation bzw. Rentner in einem Interview mit dem in Berlin erscheinenden Tagesspiegel mit seltsamen Argumenten ausgeschmückt. Weil „die Boomer“ zu wenig Kinder bekommen hätten, müssten sie „im Alter ein soziales Pflichtjahr leisten, damit die Sozialsysteme finanzierbar bleiben“, fabuliert er. Freilich ohne konkret zu werden oder gar zu präzisieren, welche Berechnungen dieser Einschätzung zugrundeliegen. Der jungen Generation, die manchmal auch als Generation Schneeflocke oder Generation Weichei bezeichnet wird, mag er das nicht zumuten, denn die werde „jetzt erstmal im Arbeitsmarkt“ gebraucht, „damit sie Rente, Gesundheit und Pflege der Älteren finanzieren können (sic!).“
Seine bahnbrechende Erkenntnis lautet demzufolge: „Wenn man jetzt von den Jungen ein Pflichtjahr verlangt, dann fehlen die (sic!) ein Jahr im Arbeitsmarkt.“ Sie könnten ihmzufolge „in 45 Jahren“ dazu herangezogen werden. Meine Großmutter sagte bei Verwendung des Artikels „die“ als Pronomenersatz für „sie“ immer: „Die“ stehe im Stall und gebe Milch. Den Boomern wirft der Ökonom, der sich sich „nach dem Abitur“ bei der Bundeswehr „beworben“ haben will, aber nicht genommen worden sei, weil bereits „zwei ältere Brüder“ gedient hätten und der „dritte nicht auch noch gezogen“ werde, vor, „die Kriegsgefahr durch Putin“ bestehe, „weil die Äteren sich die Friedensdividende genommen haben“, was wohl heißen soll, sie genössen einfach ihren Lebensabend als Rentner. Einmal davon abgesehen, dass ihm offenbar die politischen Zusammenhänge zur Ursächlichkeit des Krieges in der Ukraine nicht präsent zu sein scheinen, blendet er aus, dass ausreichend junge Männer in dieses Land geströmt sind, die zu verpflichtenden sozialen Diensten herangezogen werden könnten. Manche von ihnen sind sogar nahkampferprobt.
Die Lebensleistung der Boomer zählt für den DIW-Theoretiker offensichtlich nicht, obwohl er weiß, dass die meisten männlichen Rentner gedient oder Zivildienst geleistet haben. Doch er neidet ihnen ihren Ruhestand, den der eine gerne auf seinem Hausboot verbringt, der andere mit den Enkeln; wieder andere sitzen lieber im Garten oder auf dem Balkon, reisen oder ziehen im Schwimmbad ihre Bahnen. Einige Millionen Rentner können das nicht, weil sie krank sind und noch mehr Zeit als zuvor schon beim Arzt verbringen müssen, seit vor zehn Jahren ein Migrationstsunami und vor fünf eine Pandemie ausgelöst wurde.
Wie soll man es nennen, wenn jemand unter der Voraussetzung, Herr seiner Sinne zu sein, zumal akademisch vorgebildeter, derart Abstruses von sich gibt? Der deutsche Wortschatz kann mit einer Fülle an Verben, Adjektiven, auch in nominalisierter Anwendung, und Nomen aufwarten, um dies zu beschreiben. Dennoch eignen sich die recht regelmäßig vom DIW-Präsidenten und seinem Haus in die Öffentlichkeit getragenen Ideen und Äußerungen dazu, endlich ein neues Verb zu kreieren, das das Unsinnige zusammenfasst: fratzschern. Als schwaches, regelmäßiges Verb veränderte es beim Konjugieren seinen Vokal „a“ nicht und bildete das Partizip Perfekt mit dem Hilfsverb „haben“: gefratzschert. Wenn also jemand voller Überzeugung Quatsch von sich gibt, ließe sich subsumiert sagen: er/sie/es hat gefratzschert.
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