Er habe „das Gefühl,“ es sei „die schwerste Krise, die Deutschland durchmacht seit Kriegsende, seit Gründung der Bundesrepublik. Und ich glaube, das kann man auch schlecht schönreden“, erzählte der Chefredakteur der Zeit, Giovanni di Lorenzo, im Podcast des Bild-Chefredakteurs Paul Ronzheimer. Wie bitte? Die schwerste Krise dürfte bekanntlich die Pandemie samt ihrer rigoros durchgesetzten Maßnahmen gewesen sein und auf Platz zwei und drei die Kuba-Krise 1962 und die von 1983, als die Welt erneut am Rande eines Atomkriegs stand. Ein Journalist, zumal einer, dessen Blatt diese Krisen begleitet hatte, müsste das wissen. Di Lorenzo führt hingegen einerseits die „russische Führung, die so revisionistisch, so imperialistisch“ sei, wie er sich zu seinnen Lebzeiten an keine andere erinnern könne (…), andererseits „ein Erstarken der radikalen Rechten (…)“.
Dass Deutschland sich in einer Dauerkrise durch multiple Versäumnisse befindet, die von der eklatanten Vernachlässigung und Unterfinanzierung der Verkehrsinfrastruktur und dem Bildungswesen reicht, sieht er bestenfalls mit einem Seitenblick. „Jeden Tag erleben die Menschen, wieviel eben nicht funktioniert, insbesondere wenn du die Bahn benutzt.“ Das sei „kein schöner Befund.“ Dass das Setzen auf eine verfehlte Energie- und übersteigerte Umweltpolitik in den vergangenen zwanzig Jahren zu einer partiellen Deindustrialisierung, gestiegener Abwanderung von Unternehmen und Fachleuten sowie zigtausenden zusätzlichen Arbeitslosen geführt hat, übersieht der Mann. Wie er auch übersieht, dass der millionenfache Missbrauch des Asyl- und Aufenthaltsrechts und eine unkontrollierte illegale Migration das Land in den vergangenen fünfzehn Jahren mindestens 600 bis 800 Milliarden Euro gekostet hat, mehr als die Finanzierung der deutschen Einheit, und jährlich um weitere 50 bis 60 Milliarden kosten wird. Geld, das fehlt.
Gefühle können täuschen. Bei di Lorenzo ist das offensichtlich der Fall. Von einem Chefredakteur, zumal einem, der einem vermeintlich intellektuellen Blatt vorsteht, darf man allerdings Rationalität erwarten, die nicht mal kritisch sein muss, denn dann offenbarte er ja, dass er Popper gelesen hätte. Er verbringe viel Zeit damit, seinem Blatt „einen Sound zu geben. Unser ist einer, der auch davon lebt, dass es Unterschiede gibt der Genres, der Tonlagen, der Berichte.“ Davon ist nicht allzuviel zu merken. Und zu behaupten, „wir“ seien „nicht dazu da, die Realität zu vernebeln, zu verkitschen, zu deformieren, damit sie irgendwie in unser Bild passt“, mag sich zwar kritisch anhören, ist jedoch angesichts des Umstands, dass sich sein Blatt seit wenigstens fünfzehn Jahren genau das leistet: die Realität zu vernebeln, zu verkitschen, zu deformieren.
Jahrelang folgten etwa die Zeit-Redakteure Christoph Bertram und Matthias Naß Einladungen zu den berüchtigten Bilderbergkonferenzen, wobei Bertram auch Mitglied des Steering Committees (Lenkungsausschuss) dieses jährlich zusammenkommenden klandestinen Klubs war. In der Zeit las man darüber zur Zeit deren Teilnahmen nichts. Dies kann man di Lorenzo zwar nicht anlasten, doch man sollte schon wissen, für was für ein Blatt man arbeitet.
Anlasten kann man ihm die Verkitschung beim Hype um das autistische Klimawandel-It-Girl Thunberg, die kritiklose Hinnahme des staatsstreichartigen Vorgehens von Angela Merkel bei der Ministerpräsidentenwahl Thüringens im Februar 2020, die regierungsunkritische Begleitung zur Aufrechterhaltung der „Brandmauer“ gegen die AfD, die unkritische Haltung zur Ukraine seit 2008, zu Zensurmaßnahmen, etwa als der einfache Online-Empfang von Russia Today bei Ausbruch des Ukrainekriegs unterbunden wurde, die fragwürdige Haltung zum verbalen und monetären Aufrüsten gegen Russland, und manches mehr.
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