James Caan (1940-2022) war bereits ein Star, als er 1975 die Rolle des Jonathan E. in Norman Jewisons Film Rollerball übernahm. Er hatte 1963 in Billy Wilders Irma la Douce in einer kleinen Nebenrolle reüssiert. Bereits seine nächste Rolle verschaffte ihm größere Aufmerksamkeit. In Walter Graumans Kino-Regiedebüt Lady in a Cage (1964) spielte er neben der damals schon als Alt-Star gehandelten Olivia de Havilland einen brutalen soziopathischen Gangster. Die Erstbesetzung in einem Science-Fiction-Film gab ihm Robert Altman in Countdown (1967) neben Robert Duvall. Dann war Francis Ford Coppola auf ihn aufmerksam geworden und besetzte die männliche Hauptrolle in The Rain People (1968) mit ihm. Caan war auf kein Genre festgelegt. Er war ein zuverlässiger Charakterdarsteller, der sich in seine Rollen zu vertiefen wusste. Coppola besetzte ihn vier Jahre später in The Godfather in der Rolle des Sonny Corleone, die er auch im zweiten Teil des Mafia-Epos (1974) verkörperte. Es schien, als wäre Caan auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen. Doch das war er nicht, betrachtet man sein Schaffen insgesamt.

Er war gefragt. In Sam Peckinpahs The Killer Elite (1975) gab er einen CIA-Personenschützer, der reingelegt wird. Im gleichen Jahr spielte er Billy Rose, einen mittelmäßig erfolgreichen Revue-Produzenten und Songschreiber, in Herbert Ross’ Funny Lady. Dann kam Norman Jewison mit einer zu jener Zeit völlig neuen Leinwandgeschichte, Rollerball, die auf William Harrisons Kurzgeschichte Roller Ball Murder basiert. Harrison schrieb das Drehbuch, an das sich Jewison aber kaum hielt, wie der Autor später kritisierte. Der Film wurde dennoch ein Erfolg, auch weil er erstmals eine Dystopie aufzeigte, die im einige Jahre später erschienenen Ridley-Scott-Film The Blade Runner ebenfalls thematisiert wurde, nämlich die Konzernherrschaft über die Menschheit. In Rollerball ist sie geschichtslos und verblödet, lässt sich mit Brot und Spielen abspeisen. Dagegen stellt sich der Rollerball-Star Jonathan E., den es entgegen der Erwartungen der Konzerne, die dieses global ausgetragene Spiel finanzieren und seinen Ruhm skeptisch sehen, noch nicht schwer oder tödlich erwischt hat. Das soll sich in seinem letzten Tournament ändern, für das fortwährend die Regeln geändert werden, bis es keine mehr gibt. Das Kalkül, Jonathan tot aus der Halle zu tragen, geht nicht auf.
Für die Filmleute war Rollerball ein Erlebnis, zumal der größte Teil in München gedreht wurde. Für die Film-Konzernzentrale stellte BMW seine Bürotürme sowie das BMW-Museum zur Verfügung, und in der für die Olympischen Basketball-Spiele 1972 errichteten Rudi-Sedlmayer-Halle wurden die Rollerball-Spiele gedreht. In dieser Rundhalle waren zuvor Frank Zappa und andere Rockstars aufgetreten. In einem Interview mit Bobbie Wygant am Set sagte Jewison, es sei die einzige Rundhalle, die man habe finden können. Offenbar kannten seine Location Scouts weder die Dortmunder Westfalenhalle, in der regelmäßig Radrennen ausgetragen wurden, noch das Zürcher Hallenstadion. Caan hatte keine Erfahrung im Rollschuhfahren. Er habe einige Male auf flachem Untergrund trainiert und sei überrascht gewesen, in München auf eine auf 18 Grad geneigte Rundbahn zu treffen.

Zur dystopischen Geschichte steuerte der seit mehr als 20 Jahren erfolgreiche Komponist und Dirigent André Previn mit dem London Symphonic Orchestra den Soundtrack bei. Er arrangierte neben eigenen Werken Tchaikowskys Dornröschen, Bachs Toccata sowie Schostakowitschs 5. und 8. Synphonie, was Dramaturgie und Dystopie des Films hervorragend beförderte. Rollerball setzte abseits von Horror- und Splatterschockern neue Maßstäbe der Gewalt in Science-Fiction-Filmen, wobei die Literaturvorgaben das Dystopische vorgaben. 1999 wurde die harmlose Variante dieses seit 1935 bekannten Sportspiels wiederbelebt. Männer und – häufiger – Frauen laufen Rollschuhe bis zum Umfallen. Wer am Ende noch stehen kann, hat gewonnen.
Rollerball ist im Jahr 2018 angesiedelt. Je nach Blickwinkel kann man zu dem Schluss kommen, dass sich da bereits dystopische Elemente in der realen Welt etabliert hatten. Die G20-Staaten werden off- und online von Konzernen beherrscht, die Fifa ist zum weltgrößten Fußballvermarkter avanciert, chinesische, russische und US-Football-, Basketball- und Eishockey-Teams gehören Milliardären und Unternehmen, die, umschwärmt von gekauften Schönheiten, bei Champagner und Schnittchen abwechselnd auf ihre hochbezahlten Gladiatoren herabblicken und Werbeerlöse oder Aktienkurse auf ihren Smartphones abfragen. Helden wie Jonathan E. sind nicht in Sicht.
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