Wer dem Credo folgt, sich vor einer Sachbuchbesprechung wesentlich mit Inhalt, Fakten und Sprachstil auseinanderzusetzen, kann bei ausreichend vorhandenem Leseverstehen zu einem Urteil gelangen, das wenig schmeichelhaft für den Autor ausfiele, wenn es öffentlich zugänglich gemacht würde. Nicht wenige Literaturkritiker neigen dazu, viel Energie in einen Verriss zu stecken, andere loben ein Werk über den grünen Klee hinaus. Verrisse und überschwengliches Lob unterliegen dabei den persönlichen Präferenzen des Kritikers, nutzen aber weder ihm noch dem Leser. Wer sich also mit klarem Kopf vornimmt, ein Buch zwecks Besprechung zu lesen, ist gut beraten, sich nicht allzuweit von der Ebene der Sachlichkeit zu entfernen und persönliche wie ideologische Präferenzen in den Hintergrund zu rücken.
Einer, der große Mühe damit hatte, war der einstige FAZ-Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), der eine Reihe von Jahren das Literarische Quartett im ÖRR anführte. Seine Verrisse und Impulsivität sind legendär. Wenn er ein Werk als „grottenschlecht geschrieben“ bemängelte, das Lektorat oder Korrektorat anging, dann war dem stets noch Substantielles zu entnehmen. Auch Derbes gab es: „Man kann einen Garten nicht düngen, indem man durch den Zaun furzt“, lautet ein Zitat von ihm. Auch die Frage, ob man als Literaturkritiker schlecht geschriebene Bücher überhaupt verreißen sollte, hatte er beantwortet. „Nichts klingt in den Ohren des Autors so schrill wie das Schweigen der Kritik.“
Denis Scheck wählt in seiner Sendung Druckfrisch vorzugsweise eine Mülltonne, wenn er ein Buch oder einen Autor nicht mag. In diese hat er beispielsweise schon Werke von Elke Heidenreich, Peter Hahne, Ferdinand von Schirach und Thilo Sarrazin geworfen und die Autoren angegriffen. Sarrazin bezeichnete er als „nützlichen Idioten einer neofaschistischen Rechten“; Hahnes Buch Ist das Euer Ernst? versteht er als ein „dummes, albernes und intellektuell peinliches Buch – also alles wie gewohnt bei Peter Hahne“; von Schirachs Gott als „Schulfunk“; Heidenreichs zitatelastiges Buch Altern ist für ihn ein Christstollen, in dem Unmengen von Zitronat und Orangeat über die fehlende Butter im Teig und ihren Ersatz durch Palmfett hinwegtäuschen sollen. Für mich ungenießbar.“ Was ihm nicht schmeckt, bringt er sendungsbewusst zur Geltung.
Sein jüngster Ausfall richtet sich gegen Gerald Grosz’ Sachbuch-Bestseller Merkels Werk – Unser Untergang. In dem erst vor einem Monat erschienenen Werk, das beim Online-Händler Amazon auf Rang 12 (Stand: 16.09.2025) steht, befasst sich Grosz äußerst kritsch mit der Zuwanderung der vergangenen zehn Jahre. Scheck unterstellt dem Autor, der jongliere „mit falschen Zahlen wie Thilo Sarrazin auf Speed.“ Anstatt sich unvoreingenommen mit dem Inhalt auseinanderzusetzen und ihn mit der Realität zu vergleichen, schmäht Scheck es zudem mit Gossensprache, indem er es als „hirnlose Wichsvorlage für Rassisten und Faschisten“ und „schlicht widerlich“ klassifiziert. Das ist eines Literaturkritikers, der davon lebt, dass andere schreiben, unwürdig und verdeutlicht einmal mehr, dass er seine Tätigkeit mitunter mächtig missversteht.
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